Da keine Religion oder Philosophie die ausschlaggebende und massgebende Leitfunktion innehält, konkurrieren die unterschiedlichsten Theoriefirmen um die Gunst der Bedürftigen und wechselwirken wie „normale“ Firmen auf dem freien und deregulierten Markt.
Konkordat in Preussen — geistliche und weltliche Erziehung: "Unter uns, Herr Gewerkschaftssekretär, unser beiderseitiges Interesse wäre eigentlich, Analphabeten zu züchten."-- Karikatur von Thomas Theodor Heine (1867 - 1948). -- In Simplicissimus. – 1929
(Quelle:
http://www.payer.de/religionskritik/karikaturen5.htm )
Die unsichtbaren Marktgesetze
Jede Schule und Richtung kämpft für sich. Sie versucht sich radikal von den andren Schulen bzw. Theoriefirmen abzugrenzen. Die Theorien ersetzen die überflüssigen Religionen und die Philosophien, weil sie vermitteln eine neue ganzeinheitliche Weltanschauung in einem verzettelten und vielschichtigen
Pluriversum.
Die Schulen unterliegen den zeitgeistbedingten Moden, Sitten und Angewohnheiten der bedürftigen Menschen. Manche Theoriefirmen wurden ausgemustert, andere profitieren gerade von einer unkritischen und hysterischen Blase. Hausse und Baisse alternieren flüssig und fliessend.
Die Waffen sind die Begriffe. Fans der jeweiligen Denkrichtung eignen sich die Terminologie an, damit sie im alltäglichen Überlebenskampf bestehen können, denn bekanntlich holt uns der Diskurs sogar an einer sonst so übersichtlichen und berechenbaren Stehparty ein. Unsere Theorien verteidigen wir treue Anhänger gegen jegliche Kritik. Loyalität wird erwartet, denn Deserteure werden selten bewundert, sondern von allen Schulen verschmäht.
Die unterschiedlichsten Theoriefirmen scheuen Kritik (gleichzusetzen mich Nestbeschmutzung) wie Wasser Öl. Die Firmen wollen wir geschlossene Einheiten wirken und verdeutlichen ihre
„Corporate Identify (CI)“ (Unternehmungsidentität) grossspurig und weiträumig, so dass jeder Ausstehende bemerkt, dass diese Firma sich eint und innerhalb ihrer Schranken harmoniert.
Die Theoriefirmen gruppieren und bündeln gleich gesinnte Menschen. Sie alle buhlen um die verbleibenden Menschen, die sich noch nicht für eine fixe Schule entschieden. Der harte Wettbewerb irritiert manchmal, doch bildet er lediglich die Realität ab, die wir, sofern wir gewillt sind zu überleben, ein bisschen beschönigen müssen.
Die einzelnen Schulen erkennt man an ihrem verräterischen Zusatz -ismen.
Liberalismus
Die populärste Theoriefirma verspricht Individualität, gemeinschaftliche Prosperität und eine minimale Bevormundung durch den Staat.
Der Liberalismus wird von einer Ein-Drittel-Minderheit als ein inakzeptables Schimpfwort angesehen, sofern es sich mit der Präposition „Neo-„ im Diskurs positioniert und unfreiwillig dadurch gebrandmarkt wird.
Kommunismus / Marxismus
Die beiden Schulen unterscheiden sich gewiss in Einzelaspekten, doch der Kommunismus verwirklichte als einzige Firma den klassischen Marxismus. Seit der östliche Kommunismus für seine Massenmorde angeklagt wird und der real-existierende Sozialismus plötzlich zusammenbrach, werden diese Firmen oftmals mit dubiosen Aggressoren Asiens (z. B. Nordkorea) gleichgesetzt und sind folglich äusserst verpönt.
Der Kommunismus / Marxismus wirkte während des Kalten Krieges als Gegenpol des Liberalismus.
Egoismus
Alles ist gut und belastet nichts, wenn es einem hilft und das Geld möglichst bequem vermehrt. Der Wille zur Macht bewahrheitet sich bei den Adepten dieser übersichtlichen Schule und der Egoismus veranschaulicht erschreckend, wie die so genannte Ellbogengesellschaft mit den Verlierer umgeht: es fehlt an jedem Umgang!
Dem Egoismus wird übelste nachgerufen, er verbünde sich heimlich mit dem gegenwärtig verrufenen Liberalismus.
Antifaschismus / Faschismus
Es kann nur einen Himmel existieren, wenn zeitgleich die Hölle uns bedroht. So sympathisieren diese zwei kompletten und totalitären (extrem) Weltanschauungen und ernähren sich gegenseitig. Hoffen wir einfach, dass weder der Eine noch der Andere den Andren gänzlich auffrisst, denn dann bräche das Gleichgewicht des Schreckens zusammen und die Welt versänke in Chaos und Krieg.
Diese beiden Theoriefirmen werden allgemein als „extremistisch“ und „fundamentalistisch“ eingestuft.
Existenzialismus
Weil Gott beerdigt wurde, berufe ich mich als seinen Nachlassverwalter. Als Erstes muss ich mir einen Sinn des Lebens schenken: Ich bin der Sinn. Meine alleinige Existenz erfüllt mich schon mit Sinn, denn „der Mensch ist seine Existenz“. Und nun kleide ich mich theoriegerecht, denn klischierter identifiziert es sich besser: So verhülle ich mich schwarz, zumal schwarz die eigene Persönlichkeit hervorhebt, welche ich öffentlichkeitswirksam zur Schau stellen möchte, weil ich meine eigene Existenz samt Identität hart erkrampft habe.
Diese Schule ging von einem einzigen Mann, Jean Paul Sartre, aus, welcher nachträglich mit Groupies und sonstigen Annehmlichkeiten als Gruppenführer beglückt und belohnt wurde.
Zynismus
Die Welt verscheissert mich. Ich nehme dieser Zustand hoffnungslos hin und rebelliere nicht, weil ich sowieso schon längst korrumpiert bin. Also blicke ich der Welt eisern und zynisch entgegen. Ihre Spiele und Auswüchsen beseelen mich nicht, aber ich weiss mich zu wehren, indem ich abschätzend und bissig die Welt und ihre Menschen verspotte. Nichts kann sich vor mir verstecken, denn ich bin der Hündige und glaube, im Geheimsten sei ich der einigste Gründige, der die Weltsbetrachtung zwar im Zynismus verpackt, aber wahrhaftig die Welt verstünde, doch dabei verzagt, sie ehrlich und wirklichkeitsgetreu zu wiedergeben.
Die Zyniker vergleichen sich gerne mit den unbändigen Nomaden, welche jedes Diktat ablehnen und kritisch gegen die Herrschenden protestieren. Aber ihr sanfter Protest, ein wehmütiges Säuseln als Zeichen ihrer Ohnmacht, disqualifiziert sie in ihrer Ambition und reduziert sie folgeschwer als ewige, nörgelnde und unzufriedene Querulanten.
Opportunismus
Der Opportunist orientiert sich nicht an den herrschenden Schulen. Er klaubt sich selbst etwas zusammen und kreiert somit seine eigene eklektische Theorie, die vergleichbar die des Zynikers keinem Dogma oder keinem Fundament folgt: er zäunt seine mögliche Abkupferungen bestehenden Schulen niemals ein, denn ansonsten würde er kaum mehr als Opportunist wahrgenommen.
Die grossartigen und vorbildlichen Opportunisten verkörpern unsere Politiker, deren jede Gelegenheit des Opportunismus zuvorkommt, sofern sie damit die Gunst der Wähler gewinnen können. Der Opportunist selbst versucht, getreu seinen Vorbildern, den Staat möglichst eigennützig auszutricksen und schwärmt nachträglich von seinen Vorteilen gegenüber dem gemeinen Volk.
Opportunisten werden des Opportunismus angeklagt, welcher sie aber niemals zugeben würden, sondern sich als „flexibel“, „freiheitsliebend“ und „individualistisch“ tarnen.
(PS: Der Begriff Tarnung wurde von deutschen Schützengrabentheoretiker während des Ersten Weltkriegs erfunden, um eine „heroischere“ Wortschöpfung für „verstecken“ zu besitzen. Sie wiederbelebten einen also einen mittelalterlichen Begriff.)
Poststrukturalismus
Ich determiniere die Welt auf die Sprache und die dazugehörige Zeichensysteme. Den ominösen Weltgeist erschliesse ich den Sprachen. Nur die Sprache existiert und die Existenz eines autonomen Subjekts bestreite ich. Für mich sind unterschiedliche Werte gestorben: nämlich die Geschichte, die Vernunft und die absolute Wahrheit.
Französische Intellektuelle gebaren diese Schule, die sich nur durch ihre Ablehnung bisherige Werte verbindet. So lehnt sie, der Tod des Subjekts vorausgesetzt, auch die Verantwortung eines Subjekts ab.
In Salons simuliere ich eine Welt, erbaue sie und werweisse, ob sie mir eigentlich entgleiste. Dessen ungeachtet glaube ich, ähnlich zum Solipsismus, dass meine Vorstellung einer Welt real sei. Eine Intersubjektivität, z.B. eine Vorstellung, welche mehrere „Subjekte“ (also Menschen) teilen, anerkenne ich nicht.
Man wirft mir nach, ich verharre im Solipsismus und Skeptizismus sowie missachte all die empiristischen Wertzuwächse der Freien Welt.
Kommunitarismus
Die Kommunitaristen setzen sich für eine stärkere Gesellschaft ein. Als oberste Maxime himmeln sie die Leitkultur an, welche verbindliche und massgebende Werte für die Gesellschaft proklamiert und diktiert. Aber die Kommunitaristen konnten bis jetzt die Werte noch nicht festigen und manifestieren, folglich driftet diese Strömung ziellos und ohne Führergestalt in der Welt herum.
Auch diese Schule wird eine Nähe zu faschistischem und tendenziösem Gedankengut nachgesagt, weil ihr direkter Konkurrenz, der Liberalismus, sich den Idealen des Kommunitarismus bedrohlich querstellt. Hier streiten Gemeinschaftswesen und radikale Individualisten.
Spiritualismus
Eigentlich wurde die Religion abgeschworen, aber prompt lancierten Bedürftige oder gewiefte Geschäftsmänner eine noch abgemagerte Religion als das Christentum sonst schon wäre: die modernisierte und auf aktuelle Bedürfnisse abgestimmte Spiritualität.
Die Spiritualität hochschätzt den ganzeinheitlichen Menschen. Materielle Bedürfnisse leugnet der zeitgemässe Spiritualismus nicht und hier bricht der Spiritualismus augenscheinlich mit der klassischen Religion, welche sich auf das Geistliche beschränkt. Der Spiritualismus hingeben verknüpft den trendbewussten „Lifestyle“ vulgären fernöstlichen Lebensphilosophien mit dem Hedonismus eines Zynikers. Dies reinigt das Gewissen und besänftigt die sonst so taumlige Seele.